Bauunternehmer Mario Hammer

Wer den Kopf in den Sand steckt, ist weg. Gewölbesanierer Mario Hammer macht weiter - bis zum „Goldenen Meisterbrief“.

„Heute muss man handwerklich richtig was draufhaben. Es wird immer mehr auf Qualität geachtet“, weiß Mario Hammer. Und das ist der Anspruch, nach dem der Bauunternehmer aus Mutzscheroda, einem Ortsteil von Wechselburg, seit vielen Jahren lebt und arbeitet. Während seiner beruflichen Laufbahn spezialisiert er sich auf Denkmalpflege sowie Restaurierung und ist immer häufiger als Gewölbesanierer und Gutachter unterwegs. Dabei ist ihm heute die geografische Nähe zum Heimatort besonders wertvoll: „Regional ist, wenn ich abends Zuhause bin.“ Das war nicht immer so.   

Seit 1996 ist Mario Hammer selbstständig. Zwölf Jahre zuvor beginnt seine Ausbildung zum Maurer: „Ich lernte den Beruf in einer kleinen Genossenschaft bei einem betagten Handwerksmeister. Ein guter Mann.“ Die Schwester baut zu der Zeit gerade ein Eigenheim, also hilft er beim Hausbau. Im Hintergrund bleibt auch das Thema Armee erst einmal präsent. Vordergründig möchte er schnell Geld verdienen. Im Lehrbetrieb beginnt das Unbehagen: „Ich hätte am liebsten alles hingeschmissen. Der Bau war kalt, nass und dreckig. Klar wurde, der konventionelle Bau ist überhaupt nicht mein Ding.“ Der Gedanke, zum Zimmermann umzuschulen, taucht auf. Am Arbeitsplatz bedient man sich eines Kniffs. Dem Berufseinsteiger wird ein Altmeister zur Seite gestellt. Beide erledigen „so kleine Sachen“, werkeln an Datschen, auf Außenterminen. „Wir waren wie zwei alte Latschen. Das hat mir gefallen.“ Und schließlich will Mario Hammer studieren, Bauingenieur werden. Im Herbst 1989 erhält er einen Studienplatz. „Es wurde unruhig in Leipzig. Ich spürte, dass etwas im Gang war“, so seine Wahrnehmung. Außerdem empfindet er sich da erstmals als „schon zu alt zum Studieren“ und entscheidet, seinen Handwerksmeister auf der Abendschule zu machen und später den Abschluss als „Geprüfter Restaurator im Handwerk“ anzuschließen.

Die ersten Jahre der Selbstständigkeit laufen gut an. Schon zwei, drei Jahre später umfasst das in der Pleißestadt angesiedelte eigene Unternehmen 15 Mitarbeiter und zwei Lehrlinge. Die Begegnung mit einem bekannten früheren Immobilienunternehmer inklusive der Zusammenarbeit an Leipzigs Mädler-Passage und dem Alten Postamt Grimma entwickeln sich schicksalhaft und folgenschwer: Der Niedergang des Baulöwen wird auch Geschäftsführer Hammer zum Verhängnis. „Danach musste ich schnell Geld verdienen, war viel allein unterwegs. Italien, Umbrien, Belgien, Schottland, Frankreich, Österreich und in der Schweiz“, lautet die Aufzählung seiner Wirkungsstätten. In dieser Zeit habe er zwar richtig gut verdient und konnte Schulden abbezahlen, „aber meine Menschen waren in der Heimat“. Auf Dauer ist die emotionale Ferne nichts für ihn. Die Rückkehr zur Familie, ins alte Zuhause folgt. Dort beginnt der Neustart im ganz kleinen Format mit drei Mitarbeitern. Heute ist er regional gefragt und auch in der neuen Bau- und Grünfibel des Landkreises Mittelsachsen wiederzufinden. 

Zeiten ändern sich

Mittlerweile agiert Mario Hammer allein – eine bewusste Entscheidung: „Das ist tatsächlich gewollt. Ich bildete schon Lehrlinge aus. Doch Gewölbe ist sehr speziell. Ich mag mir keine eigene Konkurrenz aufbauen. Wie es jetzt ist, reicht es völlig aus. Die Firma muss nicht mehr so groß sein.“ Größtenteils bearbeitet Mario Hammer private Aufträge, aber auch für Kirchgemeinden, in Mittelsachsen und dem Leipziger Umland. 2011 verschob sich sein Arbeitsfeld verstärkt in Richtung Gewölbesanierung: „Los ging das mit dem St. Johannes Stollen. Das Sanieren von Stützmauern und Tonnengewölbe standen an. Jetzt richtig durchstarten, hieß meine Devise. Das war quasi das Initial.“ Zu weiteren Schwerpunktbereichen zählen Bruchstein- und Friedhofsmauern, hin und wieder eine Gruft. Solche Objekte überraschten immer wieder mit Eigenarten. Zu einem „Knochenjob“ kam Mario Hammer einst als Gutachter: Eine Friedhofsmauer offenbar verrutscht, stand schief. In Richtung Tal waren aufgrund der Entwässerung Ausschwemmungen der beinernen Art zu finden. Weitere Anekdoten sind sofort parat: da war noch die Kirche mit dem unterspülten Strebepfeiler. Gegen das Problem entwickelte Hammer eine persönliche Lösung und bewahrte das Geheimnis vor allzu neugierigen Blicken. Seine Arbeit sei nie gleich und nie gleich die Menschen, mit denen er zu tun habe. In Erinnerung bleibt ihm ein besonderer Auslandsaufenthalt auf Geheiß einer Adelsfamilie. Das Fazit: „Ein Auftrag so speziell wie die Persönlichkeit.“ Außerdem gleiche kein Jahr dem anderen, so Mario Hammer. Im ersten Corona-Jahr platzt ihm ein großer Auftrag weg. Normalerweise plant der Bauunternehmer ein bis anderthalb Jahre im Voraus. Glücklicherweise kommt ein „toller Auftrag zum Sanieren von Gewölben als Lückenfüller“ rein. Die Herausforderungen während der Krisenzeit seien letztendlich nicht so gravierend gewesen, meint der Gewölbesanierer, selbst Lieferengpässe und die derzeitigen Preisexplosionen hielten sich für ihn in Grenzen. Spürbar allerdings seien die mächtig gestiegenen Kraftstoffpreise und das veränderte Kundenverhalten: „Anfragen gehen zurück. Die Auftragslage ist grundsätzlich verhaltener. Die Leute achten aufs Geld. Viele versuchen zu sparen, machen vieles selber. Es geht jetzt oft mehr um fachliche Beratung und vorzugsweise die besondere Qualität des Handwerks.“ Bauwillige achteten darauf, was und wie verarbeitet wird, das schaffe Vertrauen: „Da reicht die einfache Baustellenmischung nicht mehr aus. Die Nachfrage nach Kalkputz ist extrem gestiegen. Deshalb verarbeite ich seit etwa 15 Jahren generell keinen industriell hergestellten Werksmörtel mehr.“

 


Im Großen und Ganzen kommt Mario Hammer mit den Gegebenheiten gut zurecht. Sein Wirken umfasst Gewölbe, Bruchstein, Kalkputz und Gutachten; neuerdings sind auch Bauplanungen möglich. Er sagt, er habe persönlich schon härterer Zeiten erlebt; auch, wenn er in diesem Jahr erstmals weniger investiert. Zurückhaltender, vorsichtiger sei: „Aber, es geht weiter. Man muss sich kümmern, einfach am Ball bleiben. Wer den Kopf in den Sand steckt, ist weg.“ Deswegen bleibt er offen, probiert Neues. Jüngst reiste er in die Vereinigten Staaten, besuchte seinen ältesten Sohn Michael, der jetzt in den USA lebt. Ein Teil Williamsburgs im Südosten des US-Bundesstaats Virginia wurde als „Colonial Williamsburg“ im Stil des 18. Jahrhunderts erhalten und restauriert. Mit Strukturen und Gebäuden wie vor 200 Jahren, ohne Autos, ohne Motorräder, mit Saloon. General Robert Edward Lee – „der krumme Hund“ titelt Hammer – hielt hier 200 Sklaven. Sein Landsitz stürzte ein, beschützt von einer Art Stahlhülle. Der Denkmalschutz funktioniere anders als in Deutschland, jetzt nehme der Bundesstaat Geld in die Hand. Der Mutzscherodaer verband in Übersee also Angenehmes mit Nützlichem und war vor Ort: „Man muss sich das ähnlich der Dresdner Frauenkirche vorstellen. Es verblüffte mich, dass man dort Handwerk in dem Sinne kaum kennt, das übernehmen dann meist Mexikaner. Ich habe den Eindruck, dass in den USA und Frankreich deutsches Handwerk viel mehr wertgeschätzt wird, als bei uns.“

Mario Hammer ist Vater zweier Söhne. Während der Große, 26 Jahre alt, mittlerweile die USA sein Zuhause nennt, ist „der Kleine im April 18 Jahre alt geworden“. Dass sein Jüngster eine Lehre zum Maurer absolviert, freut den Handwerksmeister besonders. Wird dadurch die Familientradition des Handwerkerreigens aus Steinmetz (Urgroßvater) und Maurer (Großvater) fortgeführt. Seine eigenen Schritte für die Zukunft umreißt der Unternehmer aus Mittelsachsen sehr deutlich: „Ich will den goldenen Meisterbrief.“ 2015 hatte er nach 25 Jahren den Silbernen überreicht bekommen. Von seinem Schreibtisch aus, ist die eingerahmte Urkunde gut zu sehen. 2040 wäre der Goldene Meisterbrief an der Reihe. „Das wär‘ ein Ziel“, zeigt sich Marion Hammer entschlossen. Was ihn durchhalten lässt und motiviert, weiterzumachen? „Ich kenne da ein Urgestein, einen ganz alten Handwerker, Maurer. Er bringt natürlich keine Höchstleistungen mehr. Ist aber mit seinen fast 87 Jahren noch auf dem Bau. Er macht immer noch ein bissel. So lange es geht, will auch ich wackeln.“

Text & Bilder: M&M | Maikirschen & Marketing, Objektbilder: Mario Hammer